Beschreibung

Ich fürchte mich in dieser Gegend nicht. Ich kenne es ja nicht anders: Die großen und tiefen teilweise vor Blut und Eiter triefenden Wunden der Großstadt, die kaschiert von Hausfassaden und "Kulturangeboten" sich durch Siedlungen, sogar ganze Stadtteile ziehen. Ich stieg aus der fast leeren Bahn und lies mich von mir Bekanntem verschlingen, wurde eins mit dem Grau meiner geliebten und gehassten Straßenzüge. Die Kälte fraß sich an meinen Hosenbeinen hoch und brachte meine Hände zum brennen.

Entschlossen lief ich quer über den brökeligen Asphalt. Die aufgerissenen Augen der Höllenmaschinen abwartend. Meine Müdigkeit trieb mich nach Hause. Die Sonne hatte ihren Platz schon lange mit dem Mond getauscht und so blickte die Schwärze des Nachthimmels in mich hinein und erfüllte mich mit einem Gefühl von unendlicher Einsamkeit. In der Ferne sah ich die blinkenden Pflastersteine, die durch die Leuchtreklame ihr unbewegliches Leben eingehaucht bekamen.

Als ich näher kam, legten sich lange Schatten über den Gehweg. Ich blickte auf. Zwei smaragdgrüne, aber müde Augen, die unter dem Einfall der Straßenbeleutung zu glühen anfingen, fixierten mich. Ihre Gesichtszüge veränderten sich erst als ich kurz innehielt um mich von ihrem Blick loszureißen zu können. Meine Pupillen wanderten auf ihre Beine. Sie trug rote Highheels und eine Strumpfhose mit einem kurzen Minirock. Arbeitskleidung - schoss es mir durch den Kopf. Die grünen Kristalle hatten sich nicht von mir abgewendet und ich ging langsam auf sie zu. Ihr Ausdruck wurde angespannt, ja fast hilflos. Mit jedem Schritt zerrte etwas an mir. Wenige Meter noch.

Ich schritt an ihr vorbei. Die Nacht hatte mich zum Beobachter, zum Pflasterstein gemacht. Nun hatte ich den Platz mit dem Mond getauscht. Ein letzter Blick zurück mit einem beschämten aber aufrichtigem Lächeln. Durch die Leutreklame angestrahlt sah ich ihre Züge entspannen. Ich wandte mich zum Ende der Straße um verschwinden. Kurz bevor ich meinen Kopf Richtung Boden senkte und wieder in das Grau eintauchen wollte, hörte ich ihre Absätze immer schneller aufeinanderfolgend auf den Gehweg einschlagen. Sie entfernten sich von mir und der Rhythmus ihrer Schritte formten für mich ein "Danke". Bis ich sie nicht mehr hören konnte. Und niemandem von dieser Geschichte je erzählen würde.

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